Wenn Unterstützung gekürzt wird, verlieren Menschen mehr als nur Hilfe

Ein Statement zu den geplanten Kürzungen im sozialen Bereich von Sara Herzberg & Philipp Scheler (BEW)

denkraum
© Annette Schuster, AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e.V.

Wenn Unterstützung gekürzt wird, verlieren Menschen mehr als nur Hilfe

Kürzungen der Eingliederungshilfe sind ein Angriff auf Menschenrechte und sozialen Zusammenhalt

Im März 2026 traf sich eine nicht namentlich benannte Arbeitsgruppe aus Vertreter*innen von Bund, Ländern, Kommunen und Ministerien, um über einen „effizienten Ressourceneinsatz“ in der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der Eingliederungshilfe zu beraten. Schon das Vorgehen wirkt auf uns befremdlich: Solch gravierende Einschnitte wurden offenbar ohne öffentliche Debatte, ohne die Perspektive von Fachkräften und vor allem ohne die der Betroffenen vorbereitet. Wird das Thema nur durch eine fiskalische Brille betrachtet, mag manches auf den ersten Blick vernünftig klingen. Für Betroffene und für die soziale Arbeit wären die Vorschläge jedoch ein massiver Einschnitt. Der Inhalt des 108-seitigen Papiers wurde dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zugespielt, der bereits umfangreiche Analysen veröffentlicht hat. Inzwischen wurde das Thema auch im Bundestag diskutiert und erfährt große mediale Aufmerksamkeit.

Aus der Perspektive der AIDS-Hilfe können wir hier einige besonders drastische Folgen für die Eingliederungshilfe benennen. Uns ist wichtig, auch fachfremden Leser*innen zu zeigen, wie direkt diese Pläne unsere Arbeit bei der AIDS-Hilfe und vor allem unsere Klient*innen treffen würden.

Ein Vorschlag würde das Wunsch- und Wahlrecht unserer Klient*innen massiv einschränken. Ein Mensch mit HIV und psychischer Erkrankung könnte dann nicht mehr selbst entscheiden, bei welchem*r Träger*in er Unterstützung erhält, also zum Beispiel bei der AIDS-Hilfe. Stattdessen würde der*die Leistungsträger*in darüber bestimmen. Ein weiterer Vorschlag (genannt „Pooling“) sieht vor, dass die seit Jahrzehnten bewährte persönliche 1:1-Begleitung zur Ausnahme wird. Stattdessen sollen verstärkt Gruppenangebote genutzt werden, um Ressourcen zu sparen. Gruppenangebote sind wichtig und gehören längst zu unserem Alltag. Aber nicht alles lässt sich in einer Gruppe besprechen oder auffangen. Gerade in Krisen braucht es oft geschützte, persönliche Begleitung. Deshalb fragen wir uns als Sozialpädagog*innen aus der Praxis: Wie soll dieser radikale Abschied von personenzentrierter Hilfe funktionieren?

Als Mitarbeitende im Betreuten Einzelwohnen der AIDS-Hilfe erleben wir jeden Tag, wie stabilisierend verlässliche Begleitung für Menschen mit seelischer Behinderung ist. Unsere aufsuchende Assistenz wirkt dort am stärksten, wo Menschen leben: in ihrer Wohnung, in ihrem Alltag, in Krisen und in sehr persönlichen Lebenssituationen. Wir begleiten Menschen, die mit Isolation, Ängsten, Depressionen und schweren psychischen, wie körperlichen chronischen Erkrankungen leben. Viele haben erfahren, wie es ist, durchs Raster zu fallen. Manche haben sich fast vollständig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen. Andere kämpfen täglich darum, ihren Alltag überhaupt zu bewältigen.

Aufsuchende Assistenz braucht deshalb geschultes, einfühlsames sozialpädagogisches Fachpersonal sowie verlässliche zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Nur so können Menschen gestärkt werden, damit sie teilhaben und selbstbestimmt leben können. Diese ambulante Unterstützung hilft nicht nur den Betroffenen. Sie kann auch hohe Folgekosten vermeiden, etwa durch wiederholte psychiatrische Klinikaufenthalte.

Was diese Kürzungsvorschläge für die von uns begleiteten Menschen bedeuten könnten, zeigen einige O-Töne unserer Klient*innen:

„Dann könnte ich mich gleich nach Engelthal in die Klinik einweisen lassen.“ „Das wäre eine riesige Katastrophe. Ohne diese Hilfe wäre mein Leben ganz schlimm.“ „Das hat für mich nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun.“ „Ich würde mich schutzlos und sehr verwundbar fühlen.“

Die geplanten Kürzungen machen uns große Sorgen. Sie treffen keinen abstrakten Verwaltungsbereich, sondern Menschen, die ohnehin oft mit Vorurteilen, Diskriminierung, Stigmatisierung und fehlender Teilhabe leben müssen. Solidarische Unterstützung darf nicht davon abhängen, ob öffentliche Haushalte gerade unter Druck stehen. Dazu passt das oft zitierte Wort Helmut Kohls: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.“

Wir halten Kürzungen in der Eingliederungshilfe deshalb für das falsche und sogar für ein schädliches Signal. Sie vermitteln Betroffenen, dass ihre Bedürfnisse verhandelbar sind und dass Teilhabe, Würde und Unterstützung unter Finanzierungsvorbehalt stehen. Das darf eine solidarische Gesellschaft nicht akzeptieren!

Gerade Menschen mit seelischer Behinderung haben ein Recht auf Teilhabe, Unterstützung und ein Leben in Würde. Sie brauchen Schutz, Kontinuität und Verlässlichkeit. Diese Rechte dürfen nicht schrittweise ausgehöhlt werden.

Wir wünschen uns deshalb eine öffentliche Debatte, die nicht nur fragt: „Was kostet solidarische Unterstützung?“ Sondern auch: „Was kostet es unsere Gesellschaft, wenn sie verloren geht?“

Die Antwort darauf erleben wir schon heute viel zu oft. Und sie macht uns Angst.



 

Sara Herzberg & Philipp Scheler für denkraum 2026 / 2

Das komplette Magazin können Sie hier lesen: 
https://www.aidshilfe-nuernberg.de/de/material/hiv-und-haft

 

About us

In 1985 AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e.V. was founded as a self-help organization by volunteers and people with HIV.

Our work focuses on:

  • to support and assist people living with HIV and Aids
  • prevention work especially for groups affected by HIV and
  • therefore to offer counseling and testing possibilites on HIV and sexually transmitted infections (STIs)
  • to inform general population about HIV & STIs
  • to improve socialpolitical environment